DSAG-Jahreskongress 2025: Balanceakt zwischen Anwender-Realität und SAP-Vision

Bremen, 17. September 2025. – Unter dem Motto „The Art of Balance“ startete gestern der 26. DSAG-Jahreskongress. Über 5.300 Teilnehmende kamen zusammen, um die Zukunft der SAP-Landschaft zu diskutieren. Der Jahreskongress ist traditionell der wichtigste Gradmesser für die Stimmung in der deutschsprachigen SAP-Community. Nach mehreren Tagen in Bremen bleibt bei mir weniger ein einzelnes Fazit als vielmehr ein Set von Spannungsfeldern zurück, die sich durch viele Gespräche und Vorträge gezogen haben. Zwischen SAP-Vision und Anwenderrealität, zwischen Tempo und Umsetzbarkeit, zwischen technischer Innovation und organisatorischer Verantwortung zeigte sich immer wieder dieselbe Frage: Wie viel Balance ist möglich – und wo wird sie zur Zumutung? Dieser Beitrag ist keine Zusammenfassung des Kongresses, sondern eine persönliche Einordnung dessen, was zwischen den Zeilen sichtbar wurde – und was offen geblieben ist.

Die Cloud-Transformation zwischen Marathon und Sprint

Am deutlichsten wurde der vielzitierte Balanceakt dort, wo strategische Zielbilder und operative Realität unmittelbar aufeinandertreffen: bei der Cloud-Transformation, die von Anwenderunternehmen als komplex und herausfordernd empfunden wird. Die DSAG stellt dabei den grundsätzlichen Kurs nicht infrage, kritisiert aber vehement das von SAP vorgegebene Tempo, das für viele als unrealistisch gilt. Zehn Jahre nach der Einführung von S/4HANA nutzt laut einer DSAG-Umfrage immer noch die Hälfte der Unternehmen (51 %) die alte SAP ERP Business Suite, was zeigt, wie langsam die Migration in der Praxis voranschreitet. Die Realität der kommenden Jahre wird unweigerlich hybrid sein, eine Mischung aus On-Premises-, Private- und Public-Cloud-Lösungen.

Hier prallen die Perspektiven aufeinander: SAP betont die strategische Bedeutung der Private Cloud und sichert zu, dass Kunden mit dieser Wahl “auf das richtige Pferd setzen”. SAP-Vorstand Thomas Saueressig versprach langfristige Investitionen, auch in die Integration von KI-Szenarien. Die DSAG hingegen rät ihren Mitgliedern, die Entwicklungen in beiden Welten – Private und Public Cloud – genau zu beobachten und die eigene Strategie immer wieder zu hinterfragen. Die zentrale Forderung der Anwender lautet, mehr Handlungsspielraum bei der Gestaltung individueller Roadmaps zu erhalten, anstatt sich unter Druck gesetzt zu fühlen. Während SAP zur Beschleunigung auf einen “Clean Core” und eine integrierte Toolchain aus Signavio, LeanIX und Cloud ALM verweist, fordern die Kunden vor allem mehr Transparenz bei Kosten und dem tatsächlichen Mehrwert, der den aufwendigen Umstieg rechtfertigen muss.

Künstliche Intelligenz zwischen visionärem Versprechen und wirtschaftlicher Realität

Künstliche Intelligenz (KI) wird von beiden Seiten als zentrales Zukunftsthema gesehen, das die Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich steigern kann. SAP positioniert sich selbstbewusst als führendes KI-Unternehmen in Europa und treibt die Integration von “Business AI” tief in die gesamte Produkt-Suite voran. Mit über 400 angekündigten KI-Anwendungsfällen bis Ende 2025 und zentralen Komponenten wie dem digitalen Assistenten “Joule” zeichnet SAP das Bild einer intelligenten Unternehmenssteuerung, die direkt in die Geschäftsprozesse eingebettet ist.

Die DSAG und ihre Mitglieder teilen die Einschätzung der hohen Relevanz von KI, stellen aber die entscheidende Frage nach der Wirtschaftlichkeit: KI muss sich am Ende rechnen. Es bleibt abzuwarten, wie viel der aktuellen Diskussion Substanz und wie viel Hype ist. Anwender fordern von SAP vor allem Klarheit darüber, wo KI konkret eingesetzt wird, auf welchen Daten sie operiert und welche Kosten entstehen. Ein zentraler Reibungspunkt ist die Lizenzierung. Zwar wird das neue KI-Lizenzmodell als Schritt in die richtige Richtung anerkannt, da das Vorgängermodell extrem kompliziert war, doch die Forderung nach einem einfachen, planbaren und nutzungsbasierten “Pay-per-Use”-Modell bleibt laut. Die aktuellen, unterschiedlichen Modelle für Business AI und den GenAI Hub sind aus Kundensicht weiterhin zu komplex.

Die neue Business Suite zwischen Mehrwert und Komplexität

Während die Diskussion um Künstliche Intelligenz stark von Zukunftsbildern und Potenzialen geprägt war, stellte sich an anderer Stelle eine deutlich bodenständigere Frage: Wie fügen sich diese Innovationen konkret in die bestehende Produkt- und Systemlandschaft ein? Spätestens mit dem Blick auf die neue Business Suite verlagerte sich der Diskurs von Vision zu Struktur – und damit von Möglichkeiten zu Orientierung.

Mit der Wiederbelebung des Begriffs “Business Suite” beschreibt SAP eine neue Zielarchitektur, die stark auf die Public Cloud ausgerichtet ist und auf den Kernkomponenten SAP Cloud ERP, Business AI und der SAP Business Data Cloud (BDC) basiert. Diese soll die Vorteile integrierter Prozesse aus der On-Premises-Welt mit der Flexibilität der Cloud verbinden.

Doch gerade hier zeigt sich die wachsende Kluft zwischen der Vision von SAP und der Wahrnehmung der Kunden. Die DSAG kritisiert, dass das SAP-Portfolio immer modularer und kleinteiliger wird, was die Integration zur Daueraufgabe macht. Besonders das Lizenzmodell der BDC, einem zentralen Baustein zur Harmonisierung von Daten, wird als “viel zu kompliziert” bezeichnet. Es basiert auf einer starren Subskription mit “Capacity Units”, bei der nicht genutzte Mengen monatlich verfallen – ein Modell, das wenig kundenfreundlich erscheint. Dass von SAP verwaltete Datenprodukte zudem nur gegen Extrakosten verfügbar sind, wird als “sehr unglückliche” Botschaft an die Kunden gewertet. Die Geschwindigkeit der Änderungen bei Preis- und Lizenzmodellen ist so hoch, dass SAP laut DSAG “viele Kunden auf dem Weg verloren hat”.

Cybersecurity und Regulatorik im Kontext geteilter Verantwortung

Einigkeit herrscht bei der überragenden Bedeutung von IT-Sicherheit, die 92 % der DSAG-Mitglieder als hoch oder mittel relevant einstufen. Angesichts einer wachsenden Bedrohungslage betont SAP seine Verantwortung als Cloud-Anbieter mit Maßnahmen wie “Security by Design” und “Zero-Trust-Policies”. Gleichzeitig verweist der Konzern auf die Verantwortung der Unternehmen, ihre Mitarbeiter als “Human Firewall” zu schulen. Ein wichtiges Signal an die Kunden ist die Investition in Cloud-Souveränität, etwa durch die Partnerschaft mit Schwarz Digits, die dem starken Bedürfnis nach Daten- und Betriebskontrolle Rechnung trägt.

In stark regulierten Branchen wie der Finanz- oder Energiewirtschaft wünschen sich die Mitgliedsunternehmen eine deutlich frühere und transparentere Kommunikation von SAP darüber, ob und wie neue Anforderungen umgesetzt werden.

Fazit: Der Dialog muss zu konkreten Ergebnissen führen

Der DSAG-Jahreskongress 2025 hat weniger klare Antworten geliefert als ein präziseres Bild der Spannungsfelder, in denen sich viele SAP-Anwender derzeit bewegen. Cloud-Transformation, Künstliche Intelligenz, integrierte Produktlandschaften und regulatorische Verantwortung lassen sich jeweils für sich begründen – in der Praxis treffen sie jedoch zeitgleich auf Organisationen, die Stabilität, Verlässlichkeit und Steuerbarkeit sicherstellen müssen.

Auffällig war, dass die zentralen Diskussionen weniger technischer Natur waren als organisatorischer. Es ging nicht um das „Ob“ von Cloud, KI oder neuen Plattformmodellen, sondern um das „Wie viel gleichzeitig“ und „in welchem Tempo“. Die Balance zwischen strategischer Vision und operativer Realität erwies sich dabei nicht als einmalige Herausforderung, sondern als dauerhafte Gestaltungsaufgabe.

Der Kongress machte deutlich, dass Fortschritt in diesem Umfeld weniger durch maximale Geschwindigkeit entsteht als durch Orientierung und Klarheit. Wo Zielbilder, Verantwortlichkeiten und Erwartungen transparent sind, wird Wandel handhabbar. Wo diese Klarheit fehlt, wächst die Komplexität schneller als der wahrgenommene Nutzen.

Was bleibt, ist kein abschließendes Urteil, sondern eine offene Frage: Wird es gelingen, die ambitionierten Visionen so mit den realen Rahmenbedingungen zu verbinden, dass Balance nicht zum Bremsklotz, sondern zum stabilen Fundament für Weiterentwicklung wird? Die kommenden Jahre werden zeigen, ob aus dem vielzitierten Balanceakt eine tragfähige Haltung wird.


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